Was bedeutet Attachment Parenting für uns? Eine recht kurze Frage – die allerdings viele Überlegungen nach sich zog! Warum machen wir in unserer Familie bestimmte Dinge genau so, wie wir sie tun? Ich nähere mich zunächst mal mit einer Definition an und lasse euch hier teilhaben, was Attachment Parenting für uns als Familie bedeutet und wie wir diese Haltung mit unseren Kindern umsetzen. Wer bis zum Ende durchhält – ich weiß, es ist lang geworden, aber jedes Wort wollte geschrieben werden! – liest, wie der individuelle, eigene Familienweg gefunden werden kann. Und vielleicht ist für euch einer meiner 5 Tipps hilfreich!
Anfang Oktober war ich als Teilnehmerin beim Attachment Parenting Kongress in Hamburg. Und tatsächlich sog dort zur Hälfte das Mamiherz neue Informationen – und auch Bestätigungen unseres Weges als Familie – auf und zur anderen Hälfte lauschte ich dort als Bloggerin den neuesten Erkenntnissen. Einige Eindrücke, auch in Bildern, könnt ihr hier und hier (aus der Kinderperspektive) finden.
Wenn ich Freunden und der Familie von den Kongresstagen erzählte, haben sich interessierte Nachfragen ergeben – »Was ist denn dieses Attachment – wie hieß das noch…?!«. Und so habe ich in den vergangenen Tagen mehrfach versucht, dies zu erklären, und – meiner Meinung nach noch etwas anschaulicher – zu reflektieren, was es für uns im Familienalltag bedeutet. Das will hier noch mal schnell verbloggt werden!
Inhaltsverzeichnis
Was ist eigentlich Attachment Parenting?
Attachment Parenting, auch bindungs- oder beziehungsorientierte Elternschaft genannt, ist eine Erziehungsidee, die der amerikanische Kinderarzt William Sears prägte. Die kindlichen Grundbedürfnisse werden dabei feinfühlig wahrgenommen und artgerecht umgesetzt. Eine gute Eltern-Kind-Bindung ist das Ziel und auch gleichzeitig der Weg. Denn durch körperliche Nähe und liebevolles Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes erhält nicht nur das Kind, was es zum geborgenen Aufwachsen braucht. Die gegenseitige Nähe, das Sehen, das achtsame Eingehen der Eltern und das sich Gesehen- und Gewertschätztfühlen des Kindes unterstützt auch eine sichere Bindung.
Diese Zusammenhänge sind hier im Bild noch einmal verdeutlicht:

Was bedeutet sichere Bindung?
Kurz und knapp geschrieben entwickeln sicher gebundene Kinder eine große Zuversicht in die Verlässlichkeit ihrer Bezugsperson. Nach John Bowlby und Mary Ainsworth, die die Bindungstheorie entwickelten, liegt der Schlüssel zum Bindungsglück in der dem Kind entgegengebrachten Feinfühligkeit. »Diese Feinfühligkeit in der Eltern-Kind-Interaktion ist gekennzeichnet durch die prompte Wahrnehmung der kindlichen Signale, der richtigen Interpretation dieser und einer angemessenen sowie prompten Reaktion auf diese Signale, welche keine starke Frustration beim Kind hervorruft.« [1]
Wer bindet sich an wen?
Schaut man in einige Quellen zum Thema Attachment Parenting, kann der Eindruck entstehen, dass ausschließlich die Beziehung von Mutter und Kind im Fokus steht. Das ist meinem Verständnis nach zu vereinfacht betrachtet. Zum Einen kann diese Haltung Mütter unter Druck setzen, alleinig für das Wohlergehen des Kindes verantwortlich zu sein. Und gleichzeitig grenzt es andere Bindungspersonen – wie z.B. das andere Elternteil – aus!
Eine sichere Bindung zwischen Kind und Bezugsperson ist vom Kontakt und der Zuwendung abhängig und kann – besser gesagt sollte – zu beiden Elternteilen entstehen. Darum fühle ich mich mit der Formulierung Eltern-Kind-Bindung wohler. Darüber hinaus kann ein Baby oder Kleinkind zu einer dritten Person eine sichere Bindung aufbauen – dies können z.B. Großeltern, Erzieher, ein/e gute/r Freund/in der Eltern sein.
7 Merkmale des Attachment Parenting nach William Sears:
William Sears hat sieben Merkmale des Attachment Parenting definiert [2]. Folgende mütterliche (oder elterliche) Verhaltensweisen basieren laut Sears auf biologischen Grundbedürfnissen des Kindes:
- Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind sofort nach der Geburt
- Bedarfsorientiertes Stillen, statt Flaschenernährung
- Möglichst häufiges Tragen des Kindes („Babywearing“)
- Gemeinsames Schlafen („Co-Sleeping“)
- Beachtung der Signale des Kindes, um jedem Schreien zuvorzukommen
- Verzicht auf Schlaftraining
- Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter
Einen ähnlichen Blickwinkel hat Dr. Eliane Retz, die in einer Studie die Auswirkungen von Attachment Parenting auf das Wohlbefinden von Müttern wissenschaftlich erforscht hat. Folgende Merkmale hat sie benannt, an denen man Familien, die bedürfnisorientierte Elternschaft leben, erkennen – und somit erfoschen – kann:
- Grundverständnis als ursprüngliche Jäger- und Sammlergesellschaft
- Grundbedürfnis Nähe
- Häufiges/langes stillen
- Co-Sleeping
- Tragen
Wer noch weiter lesen möchte: Ausführliche Gedanken hat sich Bianka gemacht – ihre 8 Ideale des Attachment Parenting findet ihr hier. Den Blickwinkel von Susanne könnt ihr z.B. hier nachlesen.
Unser Verständnis von Attachment Parenting – oder: Viele Wege führen nach Rom
Für uns ist Attachment Parenting mehr eine Grundhaltung als eine Liste von abhakbaren Kriterien, die erfüllt sein müssen. Wie komme ich zu dieser Ansicht? Durch Weichheit! Und vierjährige Erfahrung 🙂 Tatsächlich widersprechen sich nach meinem Verständnis allzu feststehende, starre „Spielregeln“ einerseits und die Orientierung am Kind andererseits. Denn alle Kinder sind untereinander verschieden.
Um eine sichere Bindung zu einem Kind aufzubauen, benötigt man Feingefühl und Flexibilität – und jedes Kind braucht eine ganz individuelle Herangehensweise. Diese gilt es, immer wieder aufs Neue herauszufinden, das merke ich alleine schon als Mutter von nur zwei Kindern: Diese zwei haben bereits ganz unterschiedliche Interessen, Fähigkeiten und somit auch Bedürfnisse. Und dann kommen noch die elterlichen Bedürfnisse hinzu!
So kann es beispielsweise immer Gründe geben, warum man nicht (lange) stillt und dennoch lebt man eine bedürfnisorientierte Elternschaft. Und das ist okay so! Vielleicht wurden im Laufe der Zeit die Bedürfnisse des Kindes (nach Muttermilch) und die Bedürfnisse der Mutter gegeneinander abgewogen und irgendwann eine Entscheidung zum Abstillen getroffen. Trotzdem können die Signale des Kindes, das nach Nahrung und Nähe verlangt, weiterhin liebevoll und achtsam gehört und erfüllt werden. Alle Bedürfnisse im Familiensystem dürfen gehört werden.
Genauso können Kinder natürlich sicher an ihre Eltern gebunden sein, auch wenn der Geburtsverlauf es nicht zuließ, dass sofort nach der Geburt ein Haut- und Augenkontakt zwischen Mutter und Kind möglich war. Es wurde dann eben in diesem einen Punkt ein anderes Bedürfnis, z.B. ein medizinisches, gegen das Bedürfnis nach Nähe abgewogen.

Wie machen wir es im Alltag?
Bindungsorientierung ist also viel mehr als ein Fokussieren auf wenige, heruntergekochte und einzelne Ereignisse oder Kriterien. Wir leben sie durch achtsames Beobachten unserer Kinder! Wir lesen und deuten ihre Signale, um zu verstehen, wie sie ticken, was sie möchten und brauchen – um dann auf ihre Bedürfnisse angemessen reagieren zu können. Dabei haben wir auch unsere eigenen Bedürfnisse, unseren Energie-Vorrat, im Blick und tarieren stets aus, wie man die oft verschiedenen Bedarfe in Einklang bringen kann. Klingt ganz einfach, oder?!
Gehen wir mal davon aus, dass das emotionale Grundbedürfnis nach Nähe, Sicherheit, Urvertrauen und Halt undiskutabel bei jedem Kind gleichermaßen vorhanden ist. Wie man diesen Bedürfnissen nachkommt, kann von Kind zu Kind und von Familie zu Familie selbstverständlich variieren. Puzzleteile können individuell zusammen gesammelt werden – ganz wie es zu Kind, den Eltern und auch eventuellen Geschwisterkindern passt!
Und genau dieses Herantasten, Herausfinden, gemeinsam Leben, das ist Weg und Ziel des Attachment Parentings zugleich!
Den eigenen Weg finden
Diese Haltung von „Findet euren eigenen Weg“ mag ich besonders in der Attachment-Parenting-Welt. Es tut gut, sich als Eltern mit ähnlich tickenden Weggefährten auszutauschen und sich gegenseitig zu ermutigen, den eigenen, passenden Weg zu finden.
Denn letztlich geht es auch darum, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu berücksichtigen. Hier gibt es sicher eine „Bedürfnishierarchie“ – ein hungriges Baby geht so ziemlich jedem elterlichen Bedürfnis vor. Und auch unser eigenes Schlafbedürfnis stellen wir fraglos hintenan, wenn das Kind nachts wach wird und signalisiert, dass es Nähe und Sicherheit, eine neue Windel oder Nahrung braucht. Es gibt jedoch durchaus unterschiedliche Bedürfnisse bei Familienmitgliedern, die ausgehandelt werden können – und dürfen!
Letztendlich sind wir ein großes Vorbild für unsere Kinder. Das heißt, wenn wir ihnen vorleben und signalisieren „Auch meine Wünsche und Bedürfnisse sind wertvoll“ und wir mit diesen achtsam umgehen, werden die Kinder ein Modell bekommen, wie sie später auch ihre eigenen Bedürfnisse – in Abstimmung mit ihrer Umwelt – anbringen und erfüllen können.
Ideen für Attachment Parenting in der Familie
- Geht wertschätzend miteinander um. Dazu gehört, den anderen in seinen Bedürfnissen ernst zu nehmen und auch eine gewisse Achtsamkeit in der Kommunikation zu pflegen (wenn ich jetzt zur »Gewaltfreien Kommunikation« oder Jesper Juuls »Gleichwürdigkeit« aushole, liest keiner mehr weiter, oder?!).
- Wir können uns nur jeden Tag aufs Neue bestärken: Vertraue auf Deine Intuition! Wir Eltern sind die Experten für unser Kind. Und manchmal ist es einfach entlastend, weniger auf das zu hören, was an unterschiedlichen, wohlmeinenden Tipps und Empfehlungen auf uns Eltern einströmt.
- Vertraue auf Dein Kind! Was es uns Eltern stark vereinfacht: Kinder kommen zum Glück bereits sehr kompetent zu uns auf die Welt! Sie kennen und fühlen ihre Bedürfnisse am besten – wir brauchen sie nur lesen zu lernen.
- Gut genug sein reicht dabei völlig aus! Wir brauchen keine perfekten Eltern, keinen perfekten Haushalt, um zufriedene Kinder groß werden zu lassen.
- Fehler machen und daraus lernen, was vielleicht in der eigenen Familie besser funktioniert, ist ausdrücklich erlaubt! Man lernt dadurch sich selbst und seine Familie besser kennen.
Was sind eure Erfahrungen mit (bindungsorientierter) Elternschaft? Wie kriegt ihr alle Bedürfnisse unter einen Hut?
Ich freue mich von euch zu hören, z.B. gleich hier unter dem Blogpost!
Eure Katja
[1]: Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen: Von der Bindungstheorie zur Therapie. Klett-Cotta, Stuttgart 1999
[2]: The Seven Baby Bs: William Sears u.a.: The Portable Pediatrician. Everything You Need to Know About Your Child’s Health. Little, Brown and Company, New York/ Boston/ London 2011